Menschenrechtsexpertin Lina Tori Jan: «Ich setze grosse Hoffnungen auf die afghanische Jugend»

| Helene Aecherli | Blog
Lina Tori Jan

Wie geht es den Frauen und Mädchen in Afghanistan ein Jahr nach der Machtübernahme der Taliban? Wir haben mit der afghanischen Menschenrechtsexpertin Lina Tori Jan gesprochen.

Text: Helene Aecherli, Bild: Cassie Price

annabelle: Lina Tori Jan, während der ersten Herrschaft der Taliban von 1996 bis 2001 waren Sie noch ein Kind. Welche Erinnerung prägt Sie bis heute?
Lina Tori Jan: Ich war etwa fünf Jahre alt, lebte in der Provinz Herat und ging auf eine Mädchenschule, die auf religiösen Prinzipien basierte. Eines Tages kam eine Gruppe bewaffneter Männer des herrschenden Taliban-Regimes in unsere Schule, sie begannen, um sich zu schiessen und unsere Bücher zu verbrennen. Ich hatte Angst, verstand nicht, was gerade passierte. Als sie auch mein Lieblingsbuch verbrannten, wurde ich wütend. Später erfuhr ich, dass die Männer den Rektor der Schule erschossen hatten. Das raubte mir jegliches Sicherheitsgefühl. Denn meine Eltern hatten mir gesagt, dass ich ungehindert lernen könne, solang ich auf eine solche Schule ginge. Nun realisierte ich, dass dem nicht so war, und fragte mich: «Warum überfallen Männer mit Waffen eine Schule? Was am Unterricht stachelt sie derart auf?» Die Ereignisse von damals haben meinen Widerstandsgeist geweckt.

Vor sieben Jahren verliessen Sie Ihre Heimat, weil Sie in den USA ein Stipendium bekommen hatten. Seither beobachten Sie die Entwicklungen in Afghanistan aus der Ferne. Wie ist das für Sie?
Es ist sehr schwierig, denn ich fühle mich schuldig. Schuldig, weil ich nicht vor Ort bin, sondern das Privileg habe, in Sicherheit zu sein. Gleichzeitig bin ich dankbar dafür, dass ich öffentlich darüber reden kann, was in Afghanistan passiert. Seit internationale Medien und Nachrichtenagenturen stark eingeschränkt worden sind, sickern Informationen über Menschenrechtsverletzungen nur noch spärlich durch.

Am 15. August jährt sich die erneute Machtübernahme der Taliban. Das Tempo ihrer Rückkehr hat die internationale Gemeinschaft wie die Bevölkerung Afghanistans überrumpelt. Auch Sie?
Ja, auch mich. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass das Land in nur wenigen Tagen zusammenfallen würde. Mitansehen zu müssen, wie Städte und Provinzen wie Dominosteine umkippten und sich den Taliban ergaben, und dann zu hören, dass der Präsident seinen Amtssitz verlassen hatte, war schockierend. Für die Frauen begann damit eine Katastrophe. In den vergangenen 21 Jahren hatten sie für ihre Rechte gekämpft und um einen Platz in der Gesellschaft. Und dann änderte sich innerhalb 24 Stunden alles. Sie wurden gezwungen, die Identität aufzugeben, die sie bis dahin innegehabt hatten und ein Leben zu akzeptieren, in dem sie keine Rolle mehr spielen.

«Die Regierenden fürchten, von kompetenten Frauen hinterfragt und herausgefordert zu werden»

Knapp ein Jahr vor der Machtübernahme hatten sich die Taliban und Vertreter:innen der afghanischen Regierung in Katar zu Friedensgesprächen getroffen. Die Verhandlungen wurden von den USA unterstützt. Weshalb haben sie nicht gefruchtet?
Ehrlich gesagt, habe ich nie an einen Erfolg der Verhandlungen geglaubt. Nicht nur, weil die afghanische Regierung in der ersten Phase der Verhandlungen ausgeschlossen war, sondern auch, weil zu keiner Zeit konkret darüber diskutiert wurde, wie die Rechte von Frauen und Mädchen sowie von ethnischen Minderheiten nachhaltig gesichert werden sollten. Wir hörten stets, dass erst Frieden geschaffen werden sollte, danach würde man sich um die Rechte von uns Frauen kümmern. Ich denke, man hat «Frieden» wohl einfach als das «Nichtvorhandensein von Gewalt» definiert und nicht daran gedacht, dass es für Frieden mehr braucht. Heute sehen wir die Konsequenzen davon.

Schülerinnen im Sekundarschulalter sind seit über 300 Tagen vom Unterricht ausgeschlossen. Die Taliban begründen dies damit, dass die Sicherheit der jungen Frauen an den Schulen nicht gewährleistet sei, zudem sollen sie sich uneins sein über die Art der Schuluniformen Was halten Sie davon?
Das sind nichts als Ausreden. Dieses Regime ist seit einem Jahr wieder an der Macht und hat es noch immer nicht geschafft, ausgerechnet die Schulen der Mädchen in Ordnung zu bringen? Das nimmt ihnen niemand ab. Schliesst man eine spezifische Gruppe explizit von Schulbildung aus, geht es nur um eines: um Kontrolle. Darum, Frauen daran zu hindern, ihre Rechte einzufordern und ihr Potenzial zu entfalten. Erlaubt man es Frauen, zur Schule zu gehen, haben sie die Chance, unabhängig zu werden, einen Beruf zu ergreifen, Führungspositionen zu übernehmen – und damit die Gesellschaft nachhaltig zu verändern. Davor haben die Regierenden Angst. Sie wollen Untergebene, denen sie ihre Regeln aufzwingen können. Sie fürchten, von kompetenten Frauen hinterfragt und herausgefordert zu werden.

Richard Bennet, der Uno-Sonderberichterstatter für Afghanistan, sagte, die Übergriffe der Taliban auf Frauen und Mädchen in Afghanistan seien weltweit beispiellos. Können Sie das bestätigen?
Gemäss meiner lokalen Quellen scheint dies leider der Fall zu sein. Frauen in Afghanistan sind grundlegender Rechte beraubt worden; führen ein Leben, in dem sie nicht mehr arbeiten können, um ihre Familie zu ernähren. Viele drohen buchstäblich im eigenen Haus zu verhungern, leiden an Depressionen, immer wieder nehmen sich Frauen aus Verzweiflung das Leben. Zudem gibt es viele Berichte über Morde an Frauen: Eine Lehrerin verschwand auf dem Weg zur Schule, ihre Leiche wurde an ihre Familie zurückgeschickt. Besonders Frauen, die mit den afghanischen Streitkräften zusammengearbeitet haben, werden oft grausam umgebracht. Auch Mädchen werden entführt, misshandelt oder sexuell missbraucht. Manche werden danach freigelassen, andere erschossen und in den Abfall geworfen. Die Täter bleiben unbehelligt. Sie werden kaum zur Rechenschaft gezogen.

«Frauen in Afghanistan brauchen mehr direkte Unterstützung vor Ort»

Was muss getan werden, um die Situation von Frauen und Mädchen zu verbessern?
Frauen in Afghanistan brauchen mehr direkte Unterstützung vor Ort. Hilfsgüter müssen gezielt auch an von Frauen geleitete Organisationen verteilt werden. Das ist ein Punkt, der von Seiten der afghanischen Zivilgesellschaft immer und immer wieder betont wird. Das setzt einen Extra-Effort voraus, da diese Organisationen oft erst noch identifiziert und anerkannt werden müssen. Zudem braucht es dringend eine offizielle, von der Uno lancierte Untersuchung der Gewalt an Frauen und Mädchen. Es gibt zwar lokale Organisationen, die Daten über Morde, Vergewaltigungen und Entführungen sammeln, aber die agieren meist im Untergrund, um ihre Arbeit nicht zu gefährden.

Das allein wird aber wohl nicht ausreichen, oder?
Nein. Was braucht das aktuelle Regime am dringendsten? Es braucht Legitimität, um Kredite zu erhalten, zudem will es einen Sitz in der Uno. Diese Ziele kann es nur erreichen, wenn es die Einhaltung der Menschenrechte, darunter auch das Recht auf Bildung, garantiert. Das muss der De-facto-Regierung klargemacht werden. Die internationale Gemeinschaft sitzt am längeren Hebel. Sie hat die Macht, diesen Vorteil in Verhandlungen auszunützen und, wenn nötig, mit Sanktionen zu belegen. Der Uno-Sicherheitsrat hat zum Beispiel vor Kurzem ein Reiseverbot gegen zwei afghanische Minister verhängt, die an den Schulschliessungen beteiligt waren. Von solchen gezielten Massnahmen braucht es mehr.

Afghanistan ist in Vielvölkerstaat, zwischen den ethnischen Gruppen kommt es immer wieder zu Konflikten. Wird ein nachhaltiger Frieden jemals möglich sein?
Ich setze grosse Hoffnungen auf die Jugend. Derzeit engagieren sich immer mehr junge Menschen dafür, die gemeinsame konfliktbeladene Geschichte aufzuarbeiten. Manchmal laufen die Konflikte sogar zwischen zwei Familien: Den Kindern wird beigebracht, die andere Familie, die einer anderen Ethnie angehört, als minderwertig zu betrachten. Ich weiss von Freund:innen, die nun langsam lernen, zu begreifen, was geschehen ist, die daran arbeiten, sich dies einzugestehen und ihr Gegenüber dafür um Verzeihung zu bitten. Bei diesem Prozess geht es auch darum, Vertrauen aufzubauen – Vertrauen darin, dass wir alle das Beste wollen für unser Land und füreinander. Letztlich wird es darum gehen, anzuerkennen, dass wir alle Teil Afghanistans sind.

Lina Tori Jan (26), ist Beraterin für Afghanistan am Georgetown Institute for Women, Peace and Security und Gründerin von «Chai wa Dastan» (Tee und Geschichten), eine Initiative, die durch die Wiederbelebung der mündlichen Tradition des Geschichtenerzählens Geschichten und Lektionen über Selbstbestimmung, Widerstandsfähigkeit und Führungsqualitäten vermitteln will. Hier kann man reinhören. Lina Tori Jan lebt in den USA.

Dieses Interview erschien auf annabelle.ch.

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