Lippenstiftbrücke nach Sanaa

Written by Helene Aecherli on Thursday, 29 August 2013. Posted in Jemen

Familienleben

Jahrelang schickte ich Make-up in den Jemen, an eine Frau, die ich noch nie gesehen hatte. Eines Tages reiste ich meinen Paketen hinterher.

Schlagartig gehen die Lampen aus, werden Fernseher, Radio und Waschmaschine abgewürgt. Es ist, als hätte jemand dem Alltag den Stecker rausgezogen und uns gleichzeitig ein schwarzes Tuch von hinten über den Kopf gestülpt. Najla zieht ihre neugeborene Tochter näher an sich heran. Die beiden älteren Mädchen rutschen vom Sofa herunter, tasten sich Richtung Küche vor, wühlen nach Kerzen und Solarlampe. Aufgeregt rennt ihre dreijährige Schwester hinterher, das Handy, auf dem sie eben herumgedrückt hat, hält sie wie einen Leuchtkegel über ihren Kopf.

 

 Es ist bereits der dritte Stromunterbruch heute in Sanaa. Er wird einige Stunden dauern, vielleicht die ganze Nacht. Schon wieder wurden Masten der Überlandleitungen auf der Strecke zwischen der Hauptstadt und dem Nachbarsgouvernorat Marib gesprengt, ob von Aufständischen oder Stammesangehörigen, das weiss man nicht so genau. Sie tun es, um die neue Regierung zu torpedieren oder um sie unter Druck zu setzen, weil es in vielen Gebieten ausserhalb Sanaas entgegen aller Versprechen noch immer keinen Strom gibt. Die Leitungen werden jeweils von mobilen Ingenieurteams behelfsmässig repariert - bis sie Stunden später erneut zerstört werden. Ein Katz- und Mausspiel - aus dem es zur Zeit kein Entrinnen zu geben scheint. 

Die Dunkelheit drinnen wetteifert mit der Finsterns draussen. Nur schemenhaft ist der Hügel aus Bauschutt zu erkennen, der sich am Rand der Lehmstrasse zu einem fetten Klumpen wölbt. Gegenüber steht ein improvisiertes Wachhäuschen, in dem rund um die Uhr ein paar Soldaten hocken, die Stiefel ungeschnürt, die Kalaschnikows salopp über ihren Schultern hängend. Ein Scheich aus dem Südosten des Landes baut sich hier seine fünfte Dependance. Ist er abwesend, wird die Baustelle von einer kleinen Garde bewacht; taucht er mit seiner Familie vor Ort auf, eskortieren ihn zwanzig Soldaten in Pick-ups mit aufgebockten Maschinengewehren. Anfänglich war man über sein Erscheinen wenig erfreut gewesen, doch hat sich der Scheich bis anhin als guter Nachbar erwiesen: Er lädt die Männer zum Kat ein und versorgt deren Häuser mit einer zweiten Stromleitung. Dafür darf er die Generatoren seiner Nachbarn mitbenutzen.

Njala stillt ihr Baby, die drei anderen Mädchen drängen sich zu ihr auf das apfelgrüne Sofa, reden eifrig durcheinander und zerren, um ihre Aufmerksamkeit buhlend, an ihren Kleidern. Najla trägt, wie so oft, wenn sie abends auf ihren Mann wartet, ein langes weisses Nachthemd mit Spitze. Sie ist eine schöne Frau. Eine Frau, die man malen sollte: Klein, ein bisschen mollig, ein rundes, ebenmässiges Gesicht, lange schwarze Haare, die sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hat, ihre vollen Lippen sind Pink geschminkt. „Das muss der Guerlain-Lippenstift sein, den ich ihr geschickt habe“, fährt es mir durch den Kopf. Der Gedanke ist so banal, dass ich mich hätte ohrfeigen können. Doch strahlt das Pink in diesem Moment eine Intimität aus, die mich zutiefst berührt.

Najla fängt meinen Blick auf, zögert einige Sekunden, dann bedeutet sie mir, dass sie mir etwas zeigen will, so lange wir noch alleine sind. Sie steht auf, das Baby im Arm, geht die Treppe hoch, ich eile hinter ihr her, leuchte ihr den Weg mit meinem Mobiltelefon. Sie führt mich in ihr Schlafzimmer, schliesst den schweren Holzschrank auf, öffnet die Tür. "Sieh mal, meine Schatzkammer", sagt sie stolz. Ich halte den Atem an. Erkenne sie sofort wieder: die Parfümflaschen, Lidschattendöschen, Lippenstifte, da stehen sie also, säuberlich aufgereiht im Regal - direkt unterhalb Nabils geladener Kalaschnikow

            Bis vor kurzem haben Najla und ich kaum etwas von einander gewusst. Sie wusste nur, dass ich Schweizerin bin, als Journalistin arbeite und wie sie und ihr Mann Anglistik studiert habe. Ich wusste, dass sie etwa 34 Jahre alt ist, aus Liebe geheiratet hat, täglich fünfmal betet und ihr Gesicht, wenn sie aus dem Haus geht, bis auf einen schmalen Schlitz schwarz verhüllt. Und ich wusste, dass sie Farben liebt: Blau, Rot, Türkis, nur kein Orange. Nabil, ihr Mann, erzählte mir davon, nachdem er erfahren hatte, dass ich auf meiner Redaktion hin und wieder edle Kosmetika zu Schleuderpreisen kaufen kann. Kurz darauf schickte er mir ein SMS: Wäre es möglich, seiner Frau folgendes zu besorgen? Lippenstifte in Rot und Pink von Guerlain, Fond du Teint von Lancome, türkisfarbene Wimperntusche, lila Lidschatten, blauen Eyeliner?

Nabil und ich waren einander begegnet, als ich vor sechs Jahren für einen Sprachaufenthalt in der jemenitischen Hauptstadt weilte. Er ist Personalmanager in einer internationalen Firma und jobbte zusätzlich als Reiseleiter. Zwar galt der Jemen schon damals als einer der kompliziertesten Unruheherde im arabischen Raum. Doch lockte das Land zu jener Zeit noch immer als Arabia Felix, als Wiege west-östlicher Zivilisation, in der trotz aller Dialekte das reinste Arabisch gesprochen wird - ein Reiseanreiz für Arabischlernende wie mich.

Nabil stellte mich seinen Freunden vor, die wie er der hauchdünnen Mittelschicht des Landes angehören, enthüllte mir die verborgenen Gärten der Altstadt Sanaas, zeigte mir Kat-Märkte und die Schmuggelshops entlang staubiger Gebirgsstrassen. Eines aber blieb im Dunklen: Seine Frau. Er hatte mir zwar immer wieder von ihr erzählt, aber nie etwas Konkretes. Nie hatte er sie in ein Restaurant mitgenommen, nie ein Bild von ihr gezeigt, das wäre unerhört gewesen. Nichts wird im Jemen so akribisch geschützt wie gerade die Identität der Frauen in der eigenen Familie. Erst als sich Najla Farben von mir zu wünschen begann, fing sich der Schleier an zu lichten.

Seither habe ich ein Dutzend bis an den Rand gefüllte Pakete nach Sanaa geschickt. A-Postsendungen, Zürich-Sanaa für 44 Franken 50, die immer innerhalb von fünf Tagen ans Ziel gelangten und die über die Zeit eine Nähe geschaffen haben, die es Najla erlaubte, mich in ihr Leben hinein zu lassen.

 

                        Das Baby schreit, seit Tagen ist sein rechtes Auge von eitrigem Ausfluss verklebt. Sobald ihr Mann zu Hause ist, will Najla ihn bitten, in den nächsten Tagen mit ihr zum Kinderarzt zu fahren. Zudem sollten sie die Dreijährige impfen lassen. Im Land grassiert eine Masernepidemie, in ihrem Quartier werden Impfaktionen durchgeführt und Najla will den Termin auf keinen Fall verpassen. Ungeduldig blickt sie auf die Uhr. Vor einer halben Stunde hat Nabil angerufen und versprochen, in zehn Minuten da zu sein und frisches Fladenbrot, Datteln und Stilleinlagen mitzubringen, aber diese Minuten dehnen sich nun ins Unendliche aus. "Wahrscheinlich hat er sich wieder mal in eine Diskussion verwickeln lassen und darüber vergessen, wie spät es ist“, knurrt sie. In letzter Zeit wird sie häufig wütend deswegen, schreit ihn an: "Du triffst deine Freunde jeden Tag bis spätabends zum Kat, während ich hier sitze und auf dich warte!" Und nach jedem dieser Ausbrüche verbringt er jeweils einige Nachmittage mit ihr, kaut Kat, scherzt und lacht mit ihr, bis sie besänftigt ist.

            Plötzlich hallen Schläge durch das Haus. Tief. Wuchtig. Jemand  hämmert mit aller Kraft an die Tür. Najla huscht ins Badezimmer, bedeckt ihren Kopf hastig mit einem lakenähnlichen Schleier. Eine Vorsichtsmassnahme, falls es ihr Schwager sein sollte, der vorbeikommt, denn ausser Nabil darf kein anderer Mann ihre Haare sehen. Doch es ist nur die ältere seiner beiden Ehefrauen. Mürrisch tritt sie ins Wohnzimmer, in der Hand eine Batterielampe, die gleissendes Licht ausstrahlt. Sie trägt dicke Wollsocken und ist in ein so grosses Tuch gewickelt, dass sie sich nur watschelnd vorwärts bewegen kann.

Die Frauen wohnen gleich neben an, die eine in der oberen, die andere in der unteren Wohnung; die Häuser der drei Familien  sind mit einer Mauer umgeben, in deren Mitte ein hohes Blechtor Einlass gewährt. Als die ältere nach einer Herzoperation nicht mehr schwanger werden durfte, hatte sie ihrem Mann vorgeschlagen, sich eine zweite Frau zu nehmen, weil sie befürchtete, dass er sich sonst von ihr scheiden lassen würde. Aber als er dann schon nach wenigen Wochen tatsächlich eine neue, jüngere Ehefrau mit betörend schönen kastanienbraunen Haare nach Hause brachte, tobte die ältere so sehr, dass Najla und Nabil stundenlang bei ihr sitzen mussten, um die Situation zu entschärfen. Sie seien sich damals  vorgekommen, sagt Najla, wie ein Kommando der UN-Friedenstruppen.

Meistens schaut sie vorbei, um ein bisschen Klatsch auszutauschen, heute aber ist sie gekommen, um nachzufragen, wie es der Freundin von Najlas Schwester geht, die vor wenigen Tagen in einen Schusswechsel geraten war. Die junge Frau war mit ihrem Bruder abends im Auto unterwegs gewesen, als Milizen ihn zum Anhalten zwangen, weil sie den Wagen wollten. Als der Bruder Gas gab, schossen sie, die Kugel traf die Schwester in den Kopf. Chirurgen kämpften fünf Stunden lang um das Leben der jungen Frau. Ob sie überleben wird, ist ungewiss.

In den letzten Monaten, sagt Najla, hat sich die Sicherheitslage in Sanaa verschlechtert – besonders für Frauen. Als Folge des durch die Revolution entstandenen Machtvakuums herrscht auf den Strassen weder Recht noch Ordnung, viel zu schnell werde geschossen, immer wieder hört man auch von sexuellen Belästigungen, von verbaler Anmache bis zu Übergriffen auf Strassen, Märkten und an Busstationen. Najla überlegt sich jeden Schritt in die Aussenwelt zweimal und ist, falls sie sich hinauswagt, spätestens um 18 Uhr wieder zu Hause.

Seit der Amtsübernahme des neuen Präsidenten Abd Rabbuh Mansur Hadi ringt der Jemen um einen Weg aus der Krise, doch reisst der Strudel der Gewalt nicht ab: rivalisierende Stämme, Konflikte mit schiitischen Rebellen im Norden und Sezessionsbewegung im Süden erschweren den für das Land so wichtigen Nationalen Dialog, auf dessen Grundlagen eine neue Verfassung ausgearbeitet werden soll. Entführungen von Ausländern aber auch von Einheimischen sind eine konstante Bedrohung. Gruppen der al-Qaida haben ganze Gebiete in ihre Gewalt gebracht, in beklemmender Regelmässigkeit reagieren die USA mit Drohnenangriffen. Und immer wieder zeigt sich die Fratze des religiösen Fundamentalismus. So verlor ein Literaturprofessor vor kurzem seinen Lehrstuhl an der Universität Raada im Süden des Landes, weil er mit seinen Studenten einen Roman lesen wollte, der unter anderem das erotische Leben von Jihadisten thematisiert. Hasskampagnen und Todesdrohungen gegen den Professor wie den Verfasser des Buches brandeten hoch. Inzwischen hat der Professor das Land verlassen, der Schriftsteller ist untergetaucht.

Aufgrund der politischen Unruhen verschlimmert sich die humanitäre Lage des Landes: mindestens 35 Prozent der knapp 24 Millionen Menschen haben keine Arbeit, 45 Prozent leben von weniger als zwei Dollar pro Tag, fast genauso viele sind von Mangelernährung und Wasserknappheit bedroht. Najla und ihre Familie haben Glück: Dank des Einkommens ihres Mannes und eigener Ersparnisse kann Najla die Familie trotz gestiegener Lebensmittelpreise noch immer mit den Nötigsten versorgen, die Gewohnheiten des Alltag aufrecht erhalten: Sie achtet darauf, dass die beiden älteren Mädchen Datteln und ein bisschen Milch zu sich nehmen, bevor sie morgens um sieben ins Taxi steigen, das sie zur Schule fährt. Später, so gegen neun, serviert sie auch ihrem Mann Datteln; sie bringt sie ihm ans Bett, dazu Kaffee, schaltet das Radio ein, albert mit ihm herum, denn nur so, sagt Najla milde lächelnd, lasse er sich für den Arbeitstag fit machen. Viel Zeit hat sie am Morgen aber nicht, schon um zwei Uhr versammelt sich die Familie zum Lunch, breiten die Töchter das Wachstuch auf dem Wohnzimmerboden aus und tragen die Speisen auf, die Najla gekocht hat: Salat, Suppe, Reis mit Hähnchen oder Spaghetti, ausserdem noch Salta, ein Gerichte aus Bockshornkleesamen, Reis und Rindshackfleisch, das Nabil als Einstimmung für den Kat-Konsum isst. Eineinhalb Stunden Arbeit erfordern diese Gerichte täglich. Hat sie Glück, kommt ihre Haushaltshilfe rechtzeitig, um ihr beim Waschen, Putzen und Kochen zu helfen; eine dralle 49jährige, die meist bestens gelaunt und mit dröhnender Stimme von den körperlichen Vorzügen ihres zweiten, fast zwanzig Jahre jüngeren Ehemanns erzählt und dabei nicht müde wird zu beschreiben, wie es war, als sie realisierte, dass der schöne Junge nicht etwa ihre Tochter, sondern sie heiraten wollte.

            "Du, Mama fragt, ob sie deine Wimperntusche ausleihen darf. Sie findet ihre nicht." Atemlos stürzt Najlas älteste Tochter in mein Zimmer, ihre kleine Schwester im Schlepptau. Ich stecke ihr den Mascara zu und versuche gleichzeitig, die Kleine daran zu hindern, sich über meinen Schminkbeutel herzumachen. Amira, die Zweitfrau des Nachbarscheichs und deshalb auch „Scheicha“ genannt, hat uns zu einer "Delivery Session" eingeladen, zum Geburtsfest ihrer Tochter, die vor wenigen Tagen ihr viertes Kind bekommen hat. Vierzig Tage lang empfängt eine frischgebackene Mutter Freundinnen und weibliche Verwandte nach dem Nachmittagsgebet, um für sich und das Baby Glückwünsche entgegen zu nehmen. Diese Besuche vermitteln der Mutter Solidarität und Geborgenheit, für die Gäste sind sie die perfekte Gelegenheit, um das neuste Kleid auszuführen, Klatsch auszutauschen und vor allem: um sich schön zu machen. Geburtsfeste sind im Jemen deshalb fast so wichtig wie Verlobungsfeiern und Hochzeiten, der Besuch ist Ehrensache.

Wir sind spät, müssen uns beeilen. Nabil kommt herauf und befreit meinen Schminkbeutel von seiner Tochter, die wütend zu brüllen beginnt. Da fallen Schüsse. Weit entfernt in einem anderen Viertel, aber deutlich hörbar. Trocken pfeiffen sie durch die Luft. Nabil hält inne. Wirkt besorgt. Es könnten Freudensalven an einer Hochzeit sein. Oder auch nicht. Gestern hat Präsident Hadi den Kommandanten der Luftwaffe abgesetzt, ein Halbbruder des ehemaligen Staatschefs Ali Abdullah Saleh, worauf der Kommandant gedroht haben soll, alle zivilen Flugzeuge beschiessen zu lassen. Der Flughafen in Sanaa wurde auf unbestimmte Zeit geschlossen. Kein gutes Zeichen. Auf Twitter kursieren Meldungen, dass der Präsident die Regierung nicht vorgängig über seinen Plan informiert habe, ein Fehler, der ihn verwundbar machen könnte. Die Lage ist angespannt.

"Bist du bereit?" Njala steht strahlend in der Tür. Sie hat sich ein fliederfarbenes Kleid angezogen, die Augen im selben Farbton geschminkt, die Haare im Nacken zu einem Knoten gebunden. An ihrem Arm hängt ein Korb mit Datteln, Weihrauch und ein bisschen Geld, Geschenke für die junge Mutter. „Gehen wir?“

Njla klappe den Niqab wie ein Visier über ihr Gesicht, bevor sie das Tor zur Aussenwelt öffnet. Wir müssen zwar nur auf die andere Strassenseite, aber nie würde Najla riskieren, dass auch nur ein Hauch ihres Gesichts in der Öffentlichkeit gesehen wird. Im Jemen ist die Verhüllung nicht gesetzlich vorgeschrieben, wie im Iran oder in Saudi Arabien. Noch bis vor etwa dreissig Jahren haben Jemenitinnen stolz ihr Gesicht und ihre farbenprächtigen Gewänder offenbart, nur wenige haben sich schon damals in Schwarz gehüllt, und wenn, waren es vor allem Städterinnen. Aber mit dem zunehmenden Einfluss wahhabitischer Strömungen ist das Rot, Blau und Gelb der Frauen in den Untergrund gedrängt, ist Schwarz in der Aussenwelt zur vorherrschenden Farbe für Weiblichkeit geworden. Und ausser einigen Aktivistinnen, Geschäftsfrauen und Westlerinnen beugen sich die meisten Frauen diesem Gebot, sei es aus Angst vor Repressionen, Frömmigkeit oder aus Gewohnheit. Najla hatte es als Kind kaum erwarten können, bis sie den Sharshaf wie der Ganzkörperschleier im Jemen genannt wird, tragen durfte, so, wie sie es bei ihrer Mutter gesehen hatte. Ohne würde sie sich schutzlos fühlen.

            Im Salon der Scheicha drängen sich die Besucherinnen auf die Sitzkissen an den Wänden. Beflissen füllen zwei junge Dienerinnen die leere Tassen auf, bringen immer wieder Berge von Gebäck aus der Küche. Die Luft ist von Parfum und Weihrauch geschwängert, der Notstromgenerator unterhalb des Fensters brummt ohrenbetäubend. In der Ecke liegt die junge Mutter stolz wenn auch etwas müde auf einer rosa Decke, neben ihr, auf rosa Tüchern, das neugeborene Mädchen, die Fäustchen im Tiefschlaf geballt. Auf der gegenüberliegende Seite sitzt Scheicha Amira breitbeinig auf einem Hocker, ein stattliches Weib, in türkisfarbenem Kleid und Turban, die Lippen dunkelrot. Ihre sonore Stimme beherrscht den Raum. Najla platziert uns neben die frischgebackene Mutter, die uns ohne Umschweife zu erzählen beginnt, dass sie mit vierzehn Jahren verheiratet wurde und nun, mit 28, gerne an die Uni will, bei ihrem Mann mit diesem Wunsch aber auf taube Ohren stösst. Najla flüstert mir zu, dass er ihr das Studium wohl verweigert, weil er es selbst nicht geschafft hat, ein Studium abzuschliessen. Sie setzt gerade zu einem weiteren Satz an, als eine Frau den Salon betritt, die aussieht, als wäre sie einem Hollywoodfilm aus den 50er Jahren entstiegen. Sie trägt ein adrettes schwarz-weisses Etuikleid, schwarzen Eyeliner, die pechschwarzen Haare zu einem frechen Pagenschnitt frisiert, keck stöckelt sie auf einen freien Platz zu, die Frauen starren ihr bewundernd hinterher.

"Wer um Himmels Willen ist denn das?", zische ich Najla zu. Sie sieht mich überrascht an: "Du erkennst sie nicht?" Ich schüttle den Kopf. "Das ist doch meine Schwägerin, die vor kurzem bei uns war." Ich bin bestürzt. Ich habe sie ohne Schleier nicht wiedererkannt.

                Jeden Morgen kurz nach sieben steigt Najla mit ihrem Baby aufs Dach, um eine halbe Stunde lang im Sonnenlicht zu baden. Das Dach ist der einzige Ort, an dem sie ihr Gesicht der frischen Luft und dem Wind preisgibt. Von hier aus sieht man, ohne gesehen zu werden, sieht auf Baugerüste, Minarette, Wäscheleinen und den Berg Nugum, der stoisch über allem thront. Hier oben steht auch der 1750-Liter fassende Wassertank der Familie, der im Unterschied zu anderen Quartieren noch immer täglich gefüllt wird, und der Nabil während der Revolution als Hochsitz diente, als er nachts den Leuchtspurgeschossen zusah, die in einem benachbarten Viertel zwischen Regierungsanhängern und Oppositionellen abgefeuert wurden. Seine Mutter hatte ihn jeweils angerufen und ihn angefleht, vom Dach herunterzusteigen, während Najla starr vor Angst im Bett lag und den Salven zuhörte.

 

Wir sitzen auf einer Wolldecke in einer Ecke, lehnen uns an die unverputzte Mauer, essen Kekse und trinken Dattelsirup. Quietschend liegt das Baby zwischen uns. Die Vögel zwitschern durchdringend. Wir schweigen lange. Ob sie je an Demonstrationen teilgenommen hat?, wage ich sie zu fragen. War sie je mit anderen Frauen am Change Square, dem jemenitischen Tahrir-Platz? Mit jenen Frauen, die das Gesicht der Revolution geprägt haben? „Nein“, sagt sie trocken. „Erst habe ich die Revolution unterstützt. Aber als das Militär und die Islamisten aufgesprungen sind, habe ich mich abgewendet.“

            Dafür aber, war sie noch in den ersten Monaten der Revolution jeden Montag und Mittwoch Nachmittag in ein zur Schule umfunktioniertes Kellergewölbe am Rand ihres Quartiers geeilt, um Frauen Lesen und Schreiben beizubringen. Und als einige Schülerinnen dem Unterricht fernblieben, entweder, weil sie fanden, sie hätten genug gelernt, um dem Koran zu folgen oder weil es dem Ehemann nicht mehr behagte, dass seine Frau lesen und schreiben lernte, war sie von Haus zu Haus gegangen, um die Abtrünnigen wieder in den Unterricht zurückzuholen. Mangelnde Bildung, sagt Najla, gehöre nebst der Korruption seit Jahren zu den grössten Problemen ihre Landes: Gut drei Viertel der Jemenitinnen sind Analphabeten. Zwar beginnen heute die meisten Mädchen die Grundschule, aber viele beenden sie nicht, sei es, weil das Mädchen zugunsten ihrer Brüder auf die Schule verzichten muss, oder die Eltern es wichtiger finden, wenn es bei der Hausarbeit mithilft. Einen Universitätsabschluss wie Najla haben bloss fünf Prozent. Gemäss des Global Gender Gap Index der die Gleichstellung der Geschlechter analysiert, liegt der Jemen von 135 Ländern auf dem letzten Platz. Um so mehr kämpfen Aktivistinnen gerade jetzt, nach der Revolution, dafür, dass Frauen in Zukunft mehr als nur einen Sitz im 301-plätzigen Parlament innehaben und dass das Mindestheiratsalter auf 18 festgelegt. Denn so lange sich die Bildung der Frauen nicht verbessert, wird es im Jemen nie einen Fortschritt geben. Wird das Geflecht aus fundamentalem Islam und patriarchalen Stammesstrukturen, das die Stellung der Frau noch weitgehend bestimmt, nie verändert werden. Zur Zeit ist Najla im Mutterschaftsurlaub, sechzig Tage lang, da sie einen Kaiserschnitt hatte. Danach will sie wieder zu ihren Schülerinnen zurückkehren.

            Ende Februar brachte sie ihre viertes Kind zur Welt. Eigentlich ihr fünftes. Das dritte starb zwei Wochen vor der Geburt. Ebenfalls ein Mädchen. Wann immer der Ultraschall enthüllte, dass sie ein Mädchen erwartete, freute sich Najla, denn sie hatte sich stets Töchter gewünscht. Auch für Nabil sind sie ein Geschenk Allahs. Liebevoll nennt er sein Haus "die Mädchenfarm". Najla weiss aber, dass er unbedingt noch einen Sohn will. Sobald er einen Sohn habe, sagt er immer wieder, werde alles gut, dann könne er in Frieden sterben. Sprüche wie Nadelstiche. "Sie machen mich rasend", klagt Najla. "Ich verbiete es ihm, so vor unseren Töchtern zu reden. Tut er es trotzdem, sage ich immer: Wenn ich gewusst hätte, dass du mir nur Mädchen gibst, hätte ich einen anderen Mann geheiratet." Ihre grösste Angst ist, dass sich Nabil eines Tages entgegen aller Beteuerungen eine zweite Frau nehmen könnte. Sollte er das tun, würde sie sich auf der Stelle von ihm scheiden lassen und in das Haus ihres Vaters zurückkehren. Und das weiss er.

             Hoch spritzt das Wasser neben uns auf. Nabil bremst hart. Zwei junge Männer kurven halsbrecherisch auf ihrem Motorrad an uns vorbei, ihre weissen Gewänder sind triefend nass, ihre Wangen auf Tennisballgrösse mit Kat gefüllt. Seit Tagen regnet es in Strömen, das Wasser verwandelt die Strassen Sanaas in schwellende Flüsse. Nabil hätte sich am liebsten gar nicht hinausgewagt, aber Najla hat ihn bestürmt, uns an die Hochzeit einer entfernten Bekannten zu fahren, schliesslich, flehte sie, sei sie seit ihrer letzten Geburt an keiner Hochzeit mehr gewesen. Das Baby liegt in einen Schal gewickelt in ihren Armen, sie ist wieder in Schwarz gehüllt. Zu sehen sind nur ihre geschminkten Augen. Türkis. Aber ich weiss, dass ihre Lippen unter dem Schwarz knallrot sind, dass sie eine Perücke im Cleopatrastil trägt, ein nachtblaues Kleid, Netzstrümpfe und High Heels.

Als in einer Seitenstrasse in einem der modernen Viertel der Stadt ein dunkles Gebäude vor uns auftaucht, steigen wir aus. Grell leuchtet auf seinem Dach der Schriftzug "Hochzeit", ein Zeichen, dass der Strom noch fliesst. Zwei gigantische schwarze Stoffwände,  die die weiblichen Gäste vor männlichen Blicken schützen sollen, versperren den Eingang. Eine Türsteherin hockt mürrisch auf einem Schemel und weist uns in einen kahlen Raum mit Spiegeln und Wandhaken, an denen bereits unzählige schwarze Mäntel und Schleier hängen. Hinter dieser Schleuse öffnet sich ein gigantischer Festsaal, in dichten Gruppen sitzen Frauen auf roten Plüschkissen, die sich in langen Reihen durch den Saal winden. Die einen tragen tief ausgeschnittene Ballkleider, die anderen Korsagen, Rüschenröcke oder Minijupes, die Haare kunstvoll hochgesteckt oder lose auf die Schultern fallend, die Augen gelb, blau oder grün bemalt, das Make-up so dick aufgetragen, als ob sie dem Schwarz ausserhalb der Mauern ein subversives Schnippchen schlagen wollten. Mitten drin, auf einer runden Bühne, tanzen junge Mädchen zu den Rhythmen von Justin Bieber oder Amr Diap, wohlwissend, dass sie hier von zukünftigen Schwiegermüttern gecastet werden könnten.

Najla schlängelt sich strahlend durch die Reihen, begrüsst Freundinnen mit Tiraden von Wangenküssen und stellt mich schliesslich ihren beiden Schwestern vor, die es sich ganz hinten im Saal bequem gemacht haben. Beide bildschön, beide Lehrerinnen, über zwanzig, unverheiratet, beide auf einen Mann wartend, den sie lieben können. In einer Mischung aus Mitleid und Eifersucht blicken sie auf die wohl knapp 17jährige Braut, die stoisch auf einer Art Showtreppe steht, in silberfarbenem Kleid, wie eine Wachspuppe geschminkt. Und die dabei vielleicht an ihren Bräutigam denkt, der jetzt, getrennt von ihr, mit seinen Freunden und männlichen Verwandten feiert. Den sie vielleicht schon kennt und liebt - oder nach der Hochzeit zum ersten Mal sehen wird.

            Schwach schimmert der Mond über Sanaa. Der Regen hat sich nach der Hochzeit verzogen, die Luft riecht nach nassem Asphalt. Doch mit dem Regen ist auch der Strom wieder verschwunden. Die Strassen sind dunkel, auf dem Markt bieten die Händler ihre Waren in der Notbeleuchtung feil.

Gemächlich fahren wir hügelaufwärts, vorbei an Sandsäcken und einem Schwarzmarkt für Gasflaschen, an Bord frische Baguettes, Käse und eine Thermosflasche Tee. Als der Strom abbrach, haben wir uns kurz entschlossen zu einem nächtlichen Picknick aufgemacht. Nabil wird irgendwo, an einer schönen Stelle, hoch über Sanaa parkieren, wir werden die Brote essen und darüber diskutieren, wie wir die Welt retten könnten. Aus dem Autoradio dröhnt schleppender Trip Hop, die Mädchen und ich wippen mit unseren Oberkörpern im Rhythmus mit. Sie liebe diese nächtlichen Stromunterbrüche, hat mir Najla übermütig zugeflüstert, als wir ins Auto stiegen. Denn ohne Strom könne Nabil nicht fernsehen. Und ohne Fernseher hätte er mehr Zeit für die Familie, zudem könne sie ohne das konstante Talkshow-Geschnatter im Hintergrund besser schlafen. Ginge es nach ihr, könnte der Strom nachts immer ausgeschaltet sein.

Als der Motor verstummt, klappt Najla ihr Visier hoch. Sie dreht sich zu mir um. „Wir werden unsere Lippenstiftbrücke weiterpflegen, wie bisher, nicht wahr?“, fragt sie.

Ich nicke eifrig. Nur, das haben wir vereinbart, würde ich in Zukunft noch an der Wahl des Fonds de Teints arbeiten müssen. Denn mir ist klar geworden, dass ich Najla während all dieser Jahre zu dunkle Farben geschickt habe. Najlas Haut ist heller, als ich dachte.

 

 

Dieser Text erschien in gekürzter Form im Magazin der Süddeutschen Zeitung

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