"Ich habe nicht nur meinen Kopf, sondern auch mein Denken befreit”

Written by Helene Aecherli on Monday, 23 May 2016. Posted in General

Kopftuch-Debatte

33 Jahre lang trägt Emel Zeynelabidin den Hijab, das islamische Kopftuch. Dann legt sie es ab. Sie hat begonnen, ihre Religion kritisch zu hinterfragen.

 Emel Zeynelabidin mit und ohne Kopftuch. Bild: Gaby Gerster.

Die Diskussionen um die Verhüllung muslimischer Frauen brechen nicht ab. Im Spannungsfeld der Debatten um kopftuchtragende Schülerinnen und Initiativen für Burkaverbote werden deshalb viele eine Frau wie Emel Zeynelabidin für eine Rebellin halten und sie bewundern für ihren Mut. Andere werden sie als Gottlose beschimpfen. Wiederum andere werden in ihr einfach eine Frau sehen, die sich aufgemacht hat, ihren Weg zu gehen.
Emel Zeynelabidin (55) kam als Baby aus Istanbul nach Lehrte, einer kleinen Stadt bei Hannover, wo ihr Vater seine Ausbildung als Chirurg begann. Sie lebte so, wie es von ihr erwartet wurde: Als die Periode einsetzte, verhüllte sie sich, mit zwanzig heiratete sie einen Mann, den ihre Eltern für sie ausgesucht hatten, sie bekam sechs Kinder, studierte Anglistik, Islam- und Erziehungswissenschaften, wurde Vorsitzende eines islamischen Frauenvereins, gründete in Berlin islamische Kindergärten und eine islamische Schule.

Doch dann, im Alter von 44 Jahren, kam die Wende: Die Kopftuchdebatte in Deutschland wurde für sie zum Anlass, die Verhüllungsverse im Koran zu hinterfragen. Gleichzeitig begegnete sie einem Mann, in den sie sich verliebte. Nach einer langen Auseinandersetzung mit ihrem, wie sie sagt, "erlernten Glauben", den Gefühlen der Liebe und vor allem mit sich selbst, legte Emel Zeynelabidin ihr Kopftuch, ihren Hijab, ab. Ihre neuen Erfahrungen und Erkenntnisse hielt sie in verschiedenen Essays fest, die sie 2013 als Buch herausgab. Für ihren mutigen Schritt wurde sie 2007 mit dem Lutherpreis "Das unerschrockene Wort" ausgezeichnet.

Inzwischen ist Emel Zeynelabidin geschieden und baut sich in Marburg eine neue Existenz auf. Sie ist im Ortsbeirat ihres Stadtteils eines von sieben Mitgliedern, schreibt für verschiedene Medien, spricht an Veranstaltungen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz, "um der Welt zu erklären, wie unterschiedlich die Innenwelten von Muslimen und Nichtmuslimen sein können, wenn die einen an ein erstrebenswertes Jenseits glauben und die anderen an ein lebenswertes Diesseits.”

Ich führte das vorliegende Interview mit Emel Zeynelabidin vor zweieinhalb Jahren für die Schweizer Zeitschrift annabelle. Seither sind Emel und ich miteinander in Kontakt. Da der Inhalt des Interviews noch immer unvermindert aktuell ist, haben wir uns dazu entschlossen, es erneut zu publizieren, haben es aufdatiert und um einige Fragen ergänzt. Die Fotografin Gaby Gerster hat mir freundlicherweise erlaubt, die Bilder von Emel Zeynelabidin für diese Webseite wieder zu verwenden.
Und ja, ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie Emel und ich uns in Marburg in einem verwinkelten Altstadtcafé zum Gespräch trafen. Denn mir fielen auf Anhieb drei Dinge auf: ihr direkter Blick, ihre sonore Stimme – und ihre Locken. 

 


Emel Zeynelabidin: "Heute bin ich so weit, dass ich sagen kann: Wer Gott gefunden hat, braucht keine Religion mehr.” Bild: Gaby Gerster

Emel Zeynelabidin, hatten Sie schon immer solche wilden Locken? 
EMEL ZEYNELABIDIN (lacht): Nein, die sind neu! Ich habe zwar von Natur aus lockige Haare, aber da ich jahrelang ein Kopftuch trug, wurden die Locken erdrückt, meine Haare waren bloss noch lang und glatt. Ich band sie unter dem Kopftuch zu einem Pferdeschwanz zusammen. Als ich dann zum ersten Mal bei einem Coiffeur war, sagte er zu mir: «Mit dieser Frisur kommt die Frau in Ihnen ja gar nicht zum Vorschein.» Er hat mir einen Kurzhaarschnitt vorgeschlagen. Mit diesem Schnitt begannen sich auch meine Locken wieder aufzurichten. Nach all den Jahren der Kopftuchdebatte würde ich gerne das Thema „geschundene Haare durch das Kopftuch“ auf den Tisch bringen.

Als Sie sich zum ersten Mal verhüllten, waren Sie zwölf Jahre alt. Können Sie sich daran erinnern, welche Farbe Ihr Kopftuch hatte?
Es war rot-weiss, ein kleines Tuch. Ich musste es mir noch nicht streng um den Kopf binden, man konnte vorne und hinten ein bisschen Haare sehen. Mein Vater fand, ich sollte mich langsam an das Kopftuch gewöhnen.

Was war es für ein Tag?
Es war Juli und sehr heiss. Ich hatte meine erste Periode bekommen. Meine Mutter brachte mir eine Binde und kurz darauf das Kopftuch.

Waren Sie auf diesen Schritt vorbereitet?
Ja, ich wusste: Sobald ein Mädchen seine Monatsblutung bekommt, muss sie sich verhüllen.

Hat man Ihnen auch gesagt, warum?
Es sei eine Pflicht und habe mit Gott und dem Koran zu tun. Ich weiss es nicht mehr so genau.

Wie erlebten Sie jene ersten Stunden?
Als unangenehm. Meine Kameraden in der Schule haben mich gefragt, was das soll. Damals war der Islam in Europa ja noch etwas völlig Exotisches. Ich konnte nicht darauf antworten, da ich ja selbst kaum wusste, warum ich das Kopftuch trug. Rückblickend muss ich sagen: Mir wurde buchstäblich über Nacht eine fremde Identität übergestülpt. Vorher war ich die kleine Emely, das Mädchen, jetzt plötzlich die muslimische Frau.

Trotzdem: Sie hatten deswegen keine wirklich negativen Erlebnisse. Sie fühlten sich geborgen, waren angesehen als Tochter des Gründers der ersten islamisch-türkischen Organisation Deutschlands. 
Das stimmt. Ich war zufrieden, weil ich nichts anderes kannte. Ich folgte den religiösen Ritualen, fastete, betete. Ich hatte keinen Anlass, mein Leben zu hinterfragen.

"Mir wurde mit dem Kopftuch buchstäblich über Nacht eine fremde Identität übergestülpt"

Bis eine afghanische Lehrerin 2003 vor dem Bundesverfassungsgericht darum kämpfte, an der Schule das Kopftuch tragen zu dürfen. In der Folge wurden Sie als Vorsitzende eines islamischen Frauenvereins mit Fragen zum Hijab bestürmt.
Das hat den Stein ins Rollen gebracht, ja. Denn um erklären zu können, warum ich das Kopftuch trug, begann ich nachzuforschen, warum sich die Frauen um Prophet Mohammed eigentlich zu verhüllen begannen. Dies ist in den sogenannten Offenbarungsgründen der entsprechenden Koranverse nachzulesen.

Sie blickten quasi hinter die Schleier.
Genau. Denn worum ging es ursprünglich bei der Verhüllung? Es ging darum, die Männer vor allzutiefen Einblicken zu bewahren, da manche sonst Gefahr laufen könnten, den Kopf zu verlieren. Zudem sollten sich die gläubigen Musliminnen durch die Kopfbedeckung von Sklavinnen unterscheiden, um sich vor sexuellen Übergriffen zu schützen. Die Verhüllung hatte also nie etwas mit der Religion an sich zu tun, sondern war eine praktische Massnahme zum Schutz der Frauen – und eine Orientierungshilfe für Männer: Sie sollten erkennen, wer eine Sklavin war und wer eine Anhängerin des Propheten.

Wie hat diese Erkenntnis auf Sie gewirkt?
Sie hat mich angespornt, noch mehr Fragen zu stellen: Was bedeutet meine Religion für mich? Was ist Offenbarung? Was bedeutet mir der Prophet Mohammed eigentlich? Zudem erwachte in mir das Bedürfnis, mich von der Masse der uniformiert verhüllten Glaubensschwestern abzugrenzen. Ich begann mit einer Hutmacherin Hijab-Modelle zu entwerfen und experimentierte mit Kopftuchmodellen. Das hat viel Spass gemacht.

Wie sehr war Ihnen bewusst, dass Sie sich in einem Wandel befanden?
Zunächst überhaupt nicht. Doch die allmähliche geistige Öffnung erlaubte es mir, neuen Gefühlen, Gedanken und Fragen nachzugehen. So spürte ich damals auf einmal eine Enge um meinen Kopf, eine rein physische Enge, keine spirituelle. Gleichzeitig haben mich der spielerische Umgang mit der Kopfbedeckung und die Reaktionen darauf neugieriger werden lassen.

Das heisst?
Einmal habe ich im Wartezimmer einer Arztpraxis mein Kopftuch kurz abgenommen, um zu erfahren, was geschieht. Mir war beigebracht worden, dass ich ohne Kopftuch belästigt würde. Aber es geschah - nichts. Der Mann mir gegenüber hat mich nicht einmal beachtet. Ich dachte: Merkt der denn nicht, dass sich hier eine muslimische Frau vor ihm entblösst? Das war für mich ein Aha-Erlebnis. Ich habe begriffen, dass in einer westlichen Gesellschaft kaum etwas ungefährlicher ist, als kein Kopftuch zu tragen.

Was war der Auslöser, den Hijab endgültig abzulegen?
Nun, ich war damals Mitglied einer Schauspielgruppe. Und als Schauspielerin schlüpft man in Rollen, die man im normalen Leben nicht innehat. Ich hatte das Kopftuch beim Theaterspielen bereits einige Male abgelegt. Nach einem Workshop in Österreich war es so weit: Ich zog es nicht mehr an.

Was empfanden Sie, als Sie zum ersten Mal ohne Hijab in die Öffentlichkeit traten?
Ich trug nur ein Stirnband aus Schurwolle um den Kopf, als ich in Berlin aus dem Flugzeug stieg. Es war Februar und sehr kalt. Ich fror, etwas fehlte am Kopf, aber die Kälte fühlte sich besser an als die Enge, die ich vorher erlebt hatte. Als mein Mann mich ohne Kopftuch erblickte, wurde er todtraurig. Für ihn war es, als ob ich vom Glauben abgefallen wäre. Noch am selben Tag teilte mir ein Verwandter schriftlich mit, dass ich mich unverhüllt nie mehr bei ihm blicken lassen sollte. Meine Mutter, die nach dem Tod meines Vaters bei uns lebte, sagte: «Schämst du dich nicht?» Die Kinder haben nicht reagiert, ausser meine Tochter. Sie hat ein halbes Jahr lang kaum mit mir gesprochen. Sie konnte meine Verwandlung nicht begreifen.

Zu jener Zeit trug auch Ihre Tochter den Hijab.  Sie legte ihn an, als sie elf war. Heute ist sie 34. Wie ist sie schliesslich mit Ihrer Verwandlung umgegangen?
Es war schwierig für sie. Denn ich habe mich gewandelt von einer Mutter, für die es selbstverständlich war, dass ihre Tochter mit elf den Hijab überzog, zu einer Frau, die sich vom Kopftuch trennt und sich die Freiheit nimmt, ein eigenes Leben zu führen. Doch setzte sie sich später ebenfalls kritisch damit auseinander. Sie sagte offen, dass das Kopftuch sie nicht zu einem besseren Menschen macht - kein Kopftuch aber auch nicht zu einem schlechteren.

 

 

 Emel Zeynelabidin legte während der Fotosession für annabelle den Hijab noch einmal um

Mittlerweile hat Ihre Tochter den Hijab abgelegt. Warum?
Sie hat nach einem eigenen Prozess der Auseinandersetzung mit ihrem Kopftuch diese Entscheidung getroffen. Für manche unserer muslimischen Freunde und Bekannte schien dies den Eindruck geweckt zu haben, dass sie es mir nachgemacht hätte. Das ist eines der Probleme unter Muslimen: Sie sind beherrscht von der Tradition des Nachmachens, des sogenannten „Taqlid“. Ausserdem wird Frauen noch immer abgesprochen, eigene Entscheidungen treffen zu können.

Wie stehen Sie und Ihre Tochter inzwischen zueinander?
Wir sind freundschaftlich miteinander verbunden und stimmen darüber überein, dass eine Bewusstseinserweiterung für eine Frau unheimlich wichtig ist, damit sie sich von “Märchenerzählern”, wie ich jene muslimischen Männer und Frauen gerne nenne, die von der Pflicht der Frau zur Verhüllung predigen, schützen kann. Wir beide wissen jetzt mehr denn je zuvor, dass eine Bewusstseinserweiterung nicht nur Spass macht, sondern auch eine grosse Verantwortung mit sich führt.

Sie leben mit Ihrem jüngsten Sohn seit drei Jahren in Marburg. Ihr Ex-Mann ist in Berlin. Haben Sie noch Kontakt?
Natürlich. Wir haben Kontakt, wenn es um unsere Kinder geht. Mein Mann ist ein guter Mensch, ich mag und achte ihn.

Haben Sie Ihren Schritt nie bereut? Sich gesagt: Dann zieh ich das Kopftuch wieder an, damit die Moschee im Dorf bleibt?
Nein. Ich habe nicht nur meinen Kopf, sondern auch mein Denken befreit. Zudem hat sich meine Wahrnehmung verändert: Früher war ich die Muslimin, mein Gegenüber der Nichtmuslim. Das hat viel Distanz geschaffen. Mit meiner Enthüllung bin ich einfach zum Menschen geworden, zur Frau, was mich offen gemacht hat für neue Menschen. Heute weiss ich: Ich habe ein Recht auf Selbstbestimmung. Mein Kopf und meine Lebenszeit gehören mir. Es gibt kein Zurück mehr.

Hat Ihre Wandlung Ihren Glauben beeinflusst?
Mein Glaube ist durch die Nähe, die ich jetzt zu viel mehr Menschen erfahre, tiefer und persönlicher geworden. Festgelegte religiöse Rituale wie Beten und Fasten haben für mich ihre Bedeutung verloren. Ich bin heute soweit, dass ich sagen kann: „Wer Gott gefunden hat, braucht keine Religion mehr.” Hingegen fühle ich mich noch immer sehr eng mit dem Koran verbunden. Dies liegt auch daran, dass mich mein Vater an die Korantexte herangeführt hatte.

Wie reagiert Ihr Umfeld darauf?
Viele aus meiner muslimischen Gemeinde haben sich von mir distanziert und verweigern den Dialog mit mir. Dabei habe ich immer wieder versucht, auf sie zuzugehen und den Kontakt aufzubauen. Selbst die türkische Tageszeitung Milli Gazete, die mein Vater in den 80er Jahren gegründet hat, will kein Interview mit mir führen, da ich angeblich nicht "deren Politik" entsprechen würde. Ich glaube, dass meine Öffnung für das Leben vielen aus meinem einstigen Umfeld als Bedrohung erscheint. Begegne ich hingegen jemandem, der mich aufgrund eines Zeitungsartikels oder eines Fernsehauftritts erkennt und anspricht, kommen wir meistens in ein anregendes Gespräch. Mein Lebensweg ist für viele unvorstellbar und weckt Neugierde.

Sie hatten, nachdem Sie den Hijab abgelegten, den Kopf zum Teil noch bedeckt. Warum?
Weil anfangs noch etwas fehlte. Ich habe mir mit Tüchern beholfen, die ich zusammenrollte und wie einen Haarreif um den Kopf band. Man kann das Kopftuch, das man jahrzehntelang getragen und mit moralischen Werten und Glaubensvorstellungen verbunden hat, nicht einfach so ablegen. Bei mir hat dieser Prozess ein Jahr gedauert. Wenn nun Politiker sagen: Kopftuch weg!, schüttle ich nur den Kopf über ihre Ignoranz! 

"So beschämend das Kopftuchverbot für die Politik ist, so beschämend ist das Kopftuchmärchen für den Islam"

In der Schweiz wird immer wieder darüber diskutiert, ob Mädchen in der Schule Kopftuch tragen dürfen oder nicht. Was sagen Sie dazu?
Es gibt Mädchen, die ein Kopftuch tragen wollen, weil die Mutter eines trägt. Dann sollen sie ihre Erfahrungen damit machen. Meistens werden sie jedoch dazu gedrängt. Haben Lehrer den Verdacht, dass ein Mädchen wegen des Kopftuchs zuhause unter Druck steht, sollten sie mit den Eltern reden und sie auf die psychischen Auswirkungen von Zwängen hinweisen. Krasse Massnahmen wie ein Schulausschluss könnten aber die Fronten verhärten. Mehr noch: Solche Massnahmen bedeuten, dass man nicht nur die Schule, sondern auch Ausbildung und Arbeitsplatz vom Kopftuch abhängig macht.

Sie sagen, ein Kopftuchverbot wäre eine Schande für die Politik. Warum eine Schande?
Weil Politik dann wieder einmal über den weiblichen Körper ausgetragen würde. Die Politiker berücksichtigen weder die Psyche noch das soziale Umfeld der betroffenen Frauen. Sie ignorieren, dass das Kopftuch ein Teil ihrer Selbstverständlichkeit ist. Auch nichtmuslimische Politiker sollen doch bitte mal nachdenken. Es ist genauso primitiv zu sagen: «Wenn du das Kopftuch nicht ablegst, wirst du von der Schule geschmissen oder bekommst den Job nicht», wie wenn islamische Fundamentalisten behaupten: «Wenn du das Kopftuch aufsetzt, liebt dich Gott.» So beschämend das Kopftuchverbot für die Politik ist, so beschämend ist das Kopftuchmärchen für den Islam.

Eine gewagte Aussage.
Ich weiss. Aber sehen Sie: Der Glaube an Gott ist etwas so Grossartiges, Zeitloses, dass es lächerlich ist, ihn anhand eines Kleidungsstücks messen und bewerten zu wollen. Es gibt über 6600 Verse im Koran, und nur zwei befassen sich mit einer Kleidungsempfehlung, die übrigens erst nach Mohammeds Tod zu einer Vorschrift gemacht wurde. Das ist doch absurd.

Was aber ist nun mit den Frauen, die sagen, dass sie sich aus freiem Willen und eben: aus religiöser Hingabe verhüllen?
Wenn eine Frau sagt, sie fühle sich schön, wohl und sicher mit dem Kopftuch, oder es verleihe ihr eine Nähe zu Gott, dann soll sie sich verhüllen, dabei aber die Vorstellung von religiöser Pflichterfüllung aus dem Spiel lassen. Denn damit unterstellt sie allen muslimischen Frauen, die sich nicht verhüllen, aber dennoch gläubig sind, eine Pflichtverletzung. 

 


Emel Zeynelabidin in Marburg.

Sie sagten einmal, das Kopftuch habe Sie in Ihrer Entwicklung als Frau behindert. Inwiefern?
Ich begann das Kopftuch im Alter von zwölf Jahren zu tragen, also lange bevor ich mir meiner weiblichen Reize bewusst war. Haare sind Teil der Persönlichkeit eines Menschen, genauso wie der ganze Körper. Durch die Verhüllung wird eine permanente Selbstkontrolle über den eigenen Körper mit seinen Reizen und Besonderheiten trainiert. Das kann bis zur Selbstentfremdung und Selbstleugnung führen. Erst heute weiss ich, was Selbstentfremdung überhaupt ist, weil ich den Kontrast zum "Freisein" kennenlernen und zu meinem Körper einen wohlwollenden Bezug gewinnen konnte.

Was wäre besser als ein Kopftuchverbot?
Aufklärung! Muslimische Gemeinden in Europa sollten endlich den Schritt wagen und darüber aufklären, dass das Kopftuch einst ein Unterscheidungsmerkmal, also eine praktische Massnahme war, die heute ausgedient hat. Das Kopftuch muss aus dem religiösen Kontext entfernt werden. Noch etwas: Ein muslimischer Mann müsste sich doch für das Kopftuch schämen, weil es suggeriert, dass er seine Triebe nicht unter Kontrolle hat. Warum protestiert er nicht dagegen?

Das Kopftuch, so heisst es immer wieder, soll Frauen eben gerade vor Übergriffen schützen. Doch wie das Ausmass an sexueller Belästigung etwa in Ägypten oder Tunesien zeigt, in Ländern, notabene, wo ein grosser Teil der Frauen verschleiert ist, bietet das Kopftuch keinen Schutz. Wie erklären Sie sich das?
Ich nehme an, das liegt daran, dass sehr viele dieser Männer in einem extremen Spannungsverhältnis leben zwischen dem traditionellen Bild der unterwürfigen Frau einerseits und dem pornografischen Bild der unterwürfig-allzeit bereiten Frau andererseits. Hier hilft es nur noch, wenn sich Frauen zusammenschliessen, eine klare Front bilden und sich lautstark wehren.

Designer wie Dolce & Gabbana lancieren den Hijab als modisches Accessoire. Viele muslimische Frauen begrüssen dies, andere sehen darin pure Geschäftemacherei, wiederum andere kritisieren dies als das Mainstreaming eines islamistischen Symbols. Ihre Haltung dazu?
Die Modedesigner machen das Kopftuchtragen zu einer Selbstverständlichkeit, die es nicht ist. Für mich ist dies in erster Linie Ausdruck einer unverschämten Ignoranz gegenüber den Nöten all jener muslimischen Frauen, die in Ländern leben, deren Regierungen sie per Gesetz zur Verhüllung zwingen oder die durch gesellschaftlichen Druck dazu genötigt werden.

Was halten Sie zum Burkaverbot, die im Tessin bei einer Volksabstimmung angenommen wurde?
Dominieren Burka und Niqab das Strassenbild in der Schweiz? Nein. Insofern ist ein Verbot lächerlich. Der Punkt ist ein anderer: Vollverhüllungen wie Burka und Niqab sind Ausdruck eines pervertierten Patriarchats sowie eines politisierten, fundamentalistischen Islam. Dies ist schlicht ein Missbrauch des Islam, und dieser Missbrauch macht Angst. Zu Recht. Es ist Zeit, dass sich gläubige Muslime erheben und erklären, was da im Namen der Religion schiefläuft. Es kann nicht sein, dass sie den Fundamentalisten, die in einer ideologisch erzeugten Blindheit leben, schweigend das Feld überlassen.

Liberale Muslime scheuen sich oft davor, Stellung zu beziehen, aus Angst vor den Fundamentalisten.
Ja, aber hier geht es doch um das Wohl einer ganzen Gesellschaft, besonders um jenes künftiger Generationen von Muslimen. Da können wir uns kein Duckmäusertum leisten. Es braucht auf allen Seiten die Bereitschaft, Missstände zu beseitigen. Dies erfordert Ursachenforschung, Kreativität und die Auseinandersetzung mit sich selbst.

"Es ist Zeit, dass sich gläubige Muslime erheben und erklären, was da im Namen der Religion schiefläuft"

In vielen Ländern werden Menschen, die für eine Öffnung des Denkens einstehen, von islamischen Extremisten ermordet. Wie können wir dem als Gesellschaft entgegenwirken?
Mit einem neuen WIR-Bewusstsein von Muslimen und dem Rest der Welt. Eine meiner schönsten Erfahrungen in meinem neuen Leben ist das vorurteilsfreie Gespräch von Mensch zu Mensch, was einander näher bringt und das notwendige Wir schafft. Wo und wann aber führen heute Muslime und Nichtmuslime ehrliche Gespräche von Mensch zu Mensch, wenn es um heisse Eisen geht? Muslime müssen ihre Augen für die diesseitige Realität noch mehr öffnen und die Bereitschaft entwickeln, sich kritisch mit tradierten religiösen Pflichten auseinanderzusetzen, besonders mit jenen, die als indiskutabel und unumstösslich gelten. Denn gerade die Pflicht zu beten, zu fasten und die Pilgerreise nach Mekka zu absolvieren, erzeugt enormen Druck. Und der wiederum führt oft zu Selbstbetrug und Heuchelei. Andererseits müssen Nichtmuslime mehr Kenntnisse vom Islam haben, unabhängig davon, welche Erfahrungen sie mit Muslimen gemacht haben. 

Das heisst?
Oft wird von Muslimen auf den Islam geschlossen. Das ist ein Fehler. Denn Muslime sind keine Einheit, wie es uns die Fundamentalisten gerne weismachen wollen. Es gibt nicht einfach DEN Muslim. Es gibt Praktizierende aus Tradition und solche, die die Regeln und Rituale gar nicht so wahnsinnig ernst nehmen.

Ist dies aber nicht gerade etwas, mit dem sich auch Musliminnen und Muslime selbst auseinandersetzen sollten?
Natürlich. Die wenigsten Muslime haben ihren Glauben reflektiert, beziehungsweise sich ihren Glauben mittels eigener Auseinandersetzung erarbeitet. Es wird ein Islam gelebt, der geprägt ist von der Weitergabe jahrhundertealter Riten und Normen sowie von unreflektiertem Nachahmen. So kennen viele praktizierende Muslime nichts anderes als ihre Glaubensregeln, die auf den Aussagen des Korans basieren, aber im Ergebnis nur interpretierte Erklärungsversuche dessen sind, was Gott offenbart hat. Dass heute mit diesen Vorstellungen von Glaubensregeln weniger die gesellschaftliche Vielfalt bereichert wird, sondern vielmehr eine systematische Isolation und Abgrenzung geschieht, scheint weder die islamischen Organisationen noch westliche Regierungen zu interessieren.

Sie sagen, der Koran spricht an sehr vielen Stellen alle Menschen an. Was meinen Sie damit?
Ich meine, dass der Koran nicht als das „heilige Buch“ der Muslime, sondern als eine von vielen Botschaften Gottes an die ganze Menschheit gelten soll. Aber Muslime haben sich der alleinigen Interpretationshoheit des Korans bemächtigt. Das gefällt mir nicht. Das trennt uns von anderen und schafft unterschiedliche Weltbilder. Aber für eine gemeinsame Auseinandersetzung mit Problemen und Konflikten unserer heutigen Gesellschaft ist es notwendig, auch eine gemeinsame Grundlage für Argumente und Vorstellungen von Gott, der Welt und dem Leben zu haben.

Ist das überhaupt möglich?
Klar. Es ist eine Willenssache und eine Sache des kritisch-aufklärerischen Denkens. Schaffen wir Muslime dies nicht, werden wir auch immer wieder in Sackgassen landen, wenn es um die Emanzipation von Frauen geht. Denn diese Emanzipation ist eine Angelegenheit in unserem Hier und Jetzt, für die wir im Hier und Jetzt gemeinsame Lösungen finden müssen. Argumente mit Bezug auf historische und religiöse Quellen dienen dabei bloss der Rechtfertigung und Zementierung des eigenen Glaubens. Was es braucht sind vernünftige Menschen, die in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen. Für sich, für ihren Glauben, für ihre Gesellschaft. 

 

About the Author