Brautschau im Jemen

Written by Helene Aecherli on Wednesday, 19 November 2014. Posted in Jemen

Ahmed al-Aziz hat zwölfmal geheiratet, ist neunmal geschieden, hat zwanzig Kinder und derzeit drei Ehefrauen. Ginge es nach ihm, so wäre ich seine vierte Frau geworden.

 

 Illustration: Tina Berning

Als wir vor der Villa anhalten, die mein neues Zuhause werden könnte, lässt der Regen allmählich nach. Der nasse Asphalt um uns herum schimmert im fahlen Licht der Dämmerung, die Luft riecht nach Teer und frischer Erde. Es ist 19 Uhr, die Zeit des Maghrib, des Abendgebets, über der jemenitischen Hauptstadt Sanaa liegt eine lethargische Stille.

Eilig steigen wir aus dem Auto, drängen uns durch ein blechernes Tor und huschen zum Haus hinüber. Zwei meiner Begleiterinnen schlagen ihren Gesichtsschleier hoch, als öffneten sie ein Visier. Die anderen warten damit, bis sie die Türschwelle überschritten haben. Sie tuscheln aufgeregt. Instinktiv prüfe ich, ob mein schwarzer Mantel anständig zugeknöpft ist, und streife meine Schuhe ab.

«Taffaddali», sagt Amira*, «bitte sehr.» Sie weist mich an, vorauszugehen, nickt mir aufmunternd zu. Gehorsam steige ich die Treppe hoch, meine Begleiterinnen folgen mir, dicht an meiner Seite, die jüngste nimmt meine Hand.

Dann steht er vor uns, vor mir, mitten im Treppenhaus, barfuss auf einem abgewetzten, dunkelbraunen Teppich: Ahmed al-Aziz, der Herr des Hauses, 52, klein und korpulent, mit eigenwillig struppigem Bart und beigem Jackett über der crèmefarbenen, knöchellangen Dishdasha, dem traditionellen Gewand der Männer.

Ahmed ist Pilot bei einer nationalen Airline, spricht Englisch und gehört der konservativ-islamistischen Islah-Partei an – eine Kombination, die schon interessant genug wäre.

Doch aufsehenerregend ist vor allem seine Karriere als Ehemann: Er hat zwölfmal geheiratet, ist neunmal geschieden, hat zwanzig Kinder, drei Ehefrauen und sucht nun eine vierte, am liebsten eine mit blauen Augen, gern eine Europäerin – er sei «offen für etwas Neues». So hatte es seine Schwester Amira formuliert, als sie ihn mir als Ehemann schmackhaft machen wollte. Und ich hatte geschluckt, als ich ins Auto stieg. Kein noch so ausgeklügelter Algorithmus einer Datingplattform hätte jemals eine solche Begegnung arrangieren können.

«Ahlan wa sahlan, willkommen in meinem Haus und in meiner Familie», sagt Ahmed al-Aziz und streckt mir seine Hand entgegen. Im gleichen Moment – wohl aus einem datingtechnischen Reflex heraus – stelle ich fest, dass er nicht mein Typ ist. Was mich erleichtert, aber auch befremdet. Denn offensichtlich muss mich, irgendwo in einem Winkel meines Bewusstseins, trotz allem der Gedanke gestreift haben, was gewesen wäre, hätten mir jetzt die Knie gezittert.

Dabei bin ich in dieses Haus gekommen, weil ich als neugierige Frau und Journalistin ein solches Treffen nicht ausschlagen konnte. Ich wollte den Mann kennen lernen, um bei dieser Gelegenheit auch hinter einen für mich neuen Schleier der jemenitischen Gesellschaft zu blicken.

Der Gesellschaft jenes Landes, in das ich mich während einer Reise leidenschaftlich verliebt hatte und in das ich immer wieder zurückkehre, auch wenn die politische Lage seit der Amtsübernahme durch den neuen Präsidenten Abd Rabbuh Mansur al-Hadi unvermindert angespannt ist: Konflikte unter rivalisierenden Stämmen, schiitische Rebellen im Norden und Sezessionsbewegung im Süden blockieren die Entwicklung des Landes.

Stromunterbrüche sind an der Tagesordnung. Gruppen der al-Qaida haben ganze Gebiete in ihre Gewalt gebracht, fast täglich reagieren die USA mit Drohnenangriffen, immer wieder werden Ausländer entführt. Aufgrund der Unruhen hat sich auch die humanitäre Situation im Jemen verschlimmert. 35 Prozent der 24 Millionen Menschen haben keine Arbeit, fast die Hälfte lebt von weniger als zwei Dollar pro Tag, genauso viele sind von Mangelernährung und Wasserknappheit bedroht.

Und dennoch: Unter dem Schutt von Armut und Gewalt existiert auch ein Alltag, in dem Menschen sich verlieben, verkrachen und versöhnen. Eine Normalität, die kaum je in den Nachrichtenportalen erscheint, die es aber umso mehr zu ergründen gilt, will man verstehen, wie eine Gesellschaft funktioniert.

Ich weiss, dass Ahmed al-Aziz von meinen Ambitionen weiss. Aber ich weiss auch, dass er trotz allem in erster Linie nicht mich, die Journalistin, eingeladen hat, sondern Helene, die Europäerin, die blonde Frau mit den blauen Augen, um sie sich anzusehen. Als mögliche Braut. Und er weiss, dass ich das weiss.

Ein Mann, drei Frauen, 20 Kinder

Als wäre sein Handschlag das Kommando dafür gewesen, lugen rundum Mädchen und Buben aus den Zimmern, tauchen zwei Frauen neben ihm auf, eine von links, die andere von rechts, die eine Mitte vierzig, die andere knapp zwanzig und schwanger.

«Das ist Hana, meine erste Frau.» Ahmed al-Aziz zeigt auf die ältere, die mich herausfordernd mustert. «Und dies ist Muna, meine dritte. Sie hat sich mit 16 in mich verliebt, als sie mit ihren Eltern am Flughafen war und mich in Pilotenuniform sah. Danach wollte sie nur noch eines: mich heiraten. Nun bekommt sie mein 21. Kind.» Er lächelt stolz. «Ehefrau Nummer zwei wird auch gleich hier sein.»

Ich bin verwirrt. Zahlen waren noch nie meine Stärke, zudem habe ich das Gefühl, im Epizentrum eines Films gelandet zu sein, dessen Dynamik mir den Boden unter den Füssen wegzieht.

«Sie sind über meinen Lebensstil schockiert, nicht wahr?», bemerkt Ahmed väterlich. «Dabei lebe ich ja nur offen, was die Männer bei euch im Westen heimlich tun. Wie war das mit Bill Clinton? Der hatte doch mindestens 18 Frauen.» Er nickt mir zu. «Ich gehe jetzt beten. Meine Töchter werden Ihnen das Zimmer mit der schönsten Aussicht zeigen. Sie möchten sicher gern fotografieren, oder? Ich bin in zehn Minuten wieder da.»

Ehe ich michs versehe, werde ich von einer Schar junger Frauen in die Mitte genommen und eine breite Holztreppe hinaufgeschoben. Sie führen mich über zwei Stockwerke hinweg an adretten Mädchenzimmern vorbei und an Bubenhöhlen, aus denen Hardrockbässe wummern und ein modriger Geruch strömt, wofür sich Ahmeds Töchter augenrollend entschuldigen.

Wir gelangen in einen dunklen Raum, auf dessen Boden zwei Babys liegen, die Fäustchen im Tiefschlaf geballt, fast wäre ich über die kleinen Bündel gestolpert. Dies seien die Kinder ihres ältesten Bruders, flüstern mir die Mädchen zu, während sie mich zum Fenster geleiten, das wie eine Leinwand in die Mauer eingelassen ist und sperrangelweit offen den Blick freigibt auf die Lichter Sanaas, die sich bis in den Horizont hinein unter uns ausbreiten. Keuchend stütze ich mich auf der Fensterbank auf.

Die Scheicha

Amira, die mich zur Brautschau hergebracht hat, war ich an diesem Tag zum ersten Mal begegnet. Sie ist die zweite Ehefrau eines Scheichs und lässt sich deshalb auch Scheicha nennen. Ihr Mann baut sich in Sanaa eine weitere Residenz – direkt neben dem Haus meiner Freunde Nabil und Najla, bei denen ich jeweils wohne, wenn ich im Jemen bin. Und an diesem Nachmittag hatte die Scheicha meine Freundin Najla und mich zum Geburtsfest ihrer Tochter eingeladen, die vor wenigen Tagen ihr viertes Kind bekommen hat.

Als wir dort ankamen, drängte sich bereits ein Dutzend Besucherinnen im Salon, Dienerinnen brachten Gebäck aus der Küche, die Luft war von Parfum und Weihrauch geschwängert. Die junge Mutter lag stolz, wenn auch müde auf rosa Kissen und rosa Decken, neben ihr, auf rosa Tüchern, das neugeborene Mädchen. In der gegenüberliegenden Ecke thronte die Scheicha breitbeinig auf einem Hocker, ein stattliches Weib, ein Weib, das man malen sollte, in türkisfarbenem Kleid und Turban, die Lippen dunkelrot.

Ihre sonore Stimme beherrschte den Raum, und als sie mir die unumgänglichen Fragen stellte, hielten die Frauen gierig den Atem an. «Und du? Wie viele Kinder hast du? Bist du verheiratet?» – «Nein», antwortete ich auf Arabisch, «ich bin Single und habe auch keine Kinder. Ich hätte das gern anders gehabt», fügte ich schnell hinzu, «aber mein Partner wollte nicht. Also haben wir uns getrennt.»

Verkuppelt von der Scheicha

Die Frauen raunten mitfühlend. «Du brauchst einen jemenitischen Mann», rief die Scheicha. «Der wird dir noch viele Kinder machen.» Die Frauen kicherten. «Ach», winkte ich ab, «ich bin schon 45, zu alt für Kinder.» – «Ich kenne Frauen, die bekommen noch mit 48 schöne Babys», feixte die Scheicha. «Weisst du», sagte sie dann, «ich glaube, mein Bruder Ahmed al-Aziz wäre etwas für dich. Er sucht eine Frau.» – «Ach?» – «Eine vierte. Und er hat mal gesagt, er hätte gern eine Europäerin.» – «Aber …» – «Willst du ihn kennen lernen?» Die Scheicha musste meine Neugier geortet haben, denn sie sprang auf. «Ich ruf ihn gleich an.»

Kurz darauf kehrte sie zurück. «Er will dich sehen. Er wartet auf uns.» Najla, meine Freundin, war bestürzt. «Du, die meinen das ernst», flüsterte sie mir zu. «Ich sag Nabil Bescheid, sicherheitshalber. Pass bloss auf dich auf!»

Die Scheicha hatte sich da schon Niqab und Abaya angezogen und winkte zum Aufbruch. Zwei ihrer Enkelinnen und ein paar Freundinnen flehten sie an, uns begleiten zu dürfen. Als ich den Salon verliess, hörte ich, wie die Frauen darauf wetteten, dass ich noch am selben Abend verheiratet sein würde.

Das «Interview»

Ahmed al-Aziz bittet mich in den Maglis, das Empfangszimmer des Hauses. Es ist ein riesiger Raum, auf dem Boden liegen rote Berberteppiche, die Wände entlang ziehen sich goldene Sitzkissen, Notstromgeneratoren produzieren ein fahles Licht. Ich nehme irgendwo auf der Längsseite des Maglis Platz, Ahmed setzt sich mir direkt gegenüber, rundherum lassen sich seine Kinder nieder, der älteste Sohn ist 25, die jüngste Tochter eineinhalb, dazwischen zwängen sich Schwiegertöchter und Gattinnen.

Scheicha Amira hockt neben ihrem Bruder, an dessen andere Seite drängt sich die jüngste Ehefrau. An die dreissig Menschen sind es, die sich im Maglis versammeln, Kleinkinder hüpfen quietschend auf den Sitzkissen herum, ein etwa zehnjähriger Bub bringt mir Schokoladenkuchen und Mangosaft.

«So, was wollen Sie über mich wissen?» Ahmed al-Aziz sieht mich erwartungsvoll an. «Legen Sie los! Ich antworte Ihnen auf alles.» Ich rücke den Block auf meinen Knien zurecht und versuche souverän zu wirken.

Papier und Kugelschreiber erinnern mich daran, dass die Szene, so surreal sie mir erscheint, Wirklichkeit ist, nur, dass ich mich für einmal mittendrin befinde und nicht ausserhalb, als Beobachterin, wie es sonst meistens der Fall ist. Ob jeder im Clan weiss, warum ich hier bin? Wird diese Szene tatsächlich als Brautcasting wahrgenommen, oder ist mein Besuch einfach eine Abwechslung zur abendlichen Fernseh-Talkshow? Welche Gedanken wälzen die Ehefrauen? «Was will die denn hier?», «Was Ahmed bloss an der sieht?», «Wird die je bei uns leben können?»

Um die Beziehungsthematik noch ein bisschen zu umschiffen, weiche ich erst mal auf die Politik aus und beginne mit der Frage, wo sich Ahmed innerhalb der Islah-Partei beheimatet sieht. Die Islah-Partei ist die mächtigste Partei des Jemen, die Spannbreite zwischen moderaten und extremen Mitgliedern ist gross, den radikalsten werden Verbindungen zur al-Qaida nachgesagt.

Die Partei ist zudem massgeblich daran beteiligt, das Geflecht aus fundamentalistischem Islam und patriarchalen Stammesstrukturen aufrechtzuerhalten, das die Stellung der Frau im Jemen noch weitgehend bestimmt.

So blockiert die Partei ein Gesetz, das das Mindestheiratsalter auf 18 Jahre festlegen will, und heisst dadurch eines der traurigsten Kapitel des Landes gut: Noch immer wird ein grosser Teil der Frauen im Kindesalter verheiratet und statt in die Schule in eine frühe Mutterschaft geschickt.

Diese Praxis hat nicht nur schwere Gesundheitsschäden zur Folge, sondern trägt auch dazu bei, dass drei Viertel der Jemenitinnen Analphabeten sind.

Ahmed al-Aziz grinst, als hätte er meine Absicht erraten. Im Gegensatz zu mir scheint ihn die Frage jedoch zu langweilen. «Ich bin an gebildeten Frauen interessiert», sagt er. «An Frauen, die zumindest lesen und schreiben können. Denn nichts ist in diesem Land so nötig wie Bildung.» Und die Fundamentalisten, knurrt er, die möge er nicht. Für ihn gebe es nur eines: einen demokratischen Rechtsstaat mit zivilen Einrichtungen und starken Ministerien. «Ich höre nicht darauf, was der Scheich meines Stammes sagt, und glaube auch nicht an Fatwas von islamischen Rechtsgelehrten. Ich glaube an Regeln und Vereinbarungen. Das ist es auch, was unsere Religion uns lehrt: Vereinbarungen.»

Ich hole Luft, um nachzuhaken, ob er sich denn auch für einen säkularen Staat starkmachen würde, aber ich bin zu langsam.

«Wissen Sie, der Islam ist eine sehr realitätsbezogene Religion», fährt er fort. «Deshalb erlaubt es der Islam einem Mann auch, vier Ehefrauen zu haben, sofern», er hebt mahnend den Finger, «er jeder von ihnen dasselbe bieten kann. Ein Mann kann einer einzigen Frau nicht treu sein. Also soll er auch offen damit umgehen. Das ist doch ehrlicher, als nur eine Ehefrau zu haben, sie dann aber ständig zu betrügen. In England zum Beispiel zerbrechen siebzig Prozent der Ehen, weil der Mann Affären hat.» Ahmed al-Aziz lehnt sich vor und hält meinen Blick fest. «Sagen Sie mir, was ist nun besser?»

Was ist besser: Ein Mann mit mehreren Frauen oder ein Mann mit mehreren Affären?

Die siebzig Prozent scheinen mir zwar übertrieben, doch bezüglich westlicher Scheidungsraten und Fremdgehkultur trifft er einen wunden Punkt.
«Aber was ist mit den Frauen?», kontere ich. «Keine Frau will die Liebe eines Mannes teilen, so wie auch kein Mann die Liebe einer Frau teilen will.»

Die Polygamie, führe ich energisch aus, hat nicht selten verheerende Auswirkungen auf die weibliche Psyche. So weinte etwa eine jemenitische Freundin von mir monatelang, als ihr Mann eine zweite – erst noch jüngere – Frau heiratete, weil er noch einen Sohn wollte. Und Najla, meine Gastgeberin, lebt in ständiger Angst davor, Nabil, ihr Mann, könnte sich eines Tages entgegen allen Beteuerungen eine zweite Frau nehmen. Sollte er das tun, würde sie sich von ihm scheiden lassen. «Und übrigens», füge ich hinzu, «ich glaube nicht, dass Polygamie tatsächlich vor Affären schützt.»

Ahmed seufzt tief. Ah, er tue sein Bestes, um seinen Frauen nicht untreu zu werden, sagt er. Warum wohl habe er bereits zwölfmal geheiratet und sich neunmal scheiden lassen? Nicht weil er das Heiraten besonders liebe, sondern weil er immer wieder von seinen Frauen enttäuscht worden sei.

Dreimal «Ich verstosse dich» zu sagen reicht um eine Scheidung zu vollziehen

Hier, im Jemen, sei es eben schwierig, eine Frau vor der Hochzeit richtig kennen zu lernen. «Eine meiner Ehefrauen, es war Nummer sieben, entpuppte sich nach der Heirat als drogensüchtig. Sie bestellte sich ihren Dealer sogar aufs Zimmer.

Eine andere, die syrische Flight Attendant, wollte nach drei Monaten Ehe wieder in ihren Beruf zurück, obwohl ich im Ehevertrag festgehalten hatte, dass ich dies nicht billigen würde. Sie hätte überall arbeiten können, nur nicht im Airlinebusiness. Was hätte ich anderes tun sollen, als mich von ihr scheiden zu lassen?» – «Vielleicht haben Sie die Frauen loswerden wollen, weil Sie andere begehrten?», bemerke ich lakonisch.

Streng genommen würde ihm in dieser Beziehung das islamisch-jemenitische Scheidungsrecht sogar entgegenkommen. Männer brauchen nur dreimal «Ich verstosse dich» auszusprechen, um die Scheidung zu vollziehen.

Ahmed blickt mich empört an: «Wie können Sie so etwas sagen. Ich bin ein ehrlicher Mann, und ich will ein ehrliches Umfeld. Zudem sorge ich für meine geschiedenen Frauen. Denken Sie ja nicht, dass Heiraten einfach nur ein Vergnügen ist. Ein Mann hat zwar das Recht auf sexuelle Beziehungen, aber Heiraten ist auch eine Pflicht. Sehen Sie, in fast jedem Land gibt es mehr Frauen als Männer. Wie sollen die alle einen Mann finden?»

Diese Argumentation mag zu Zeiten von Prophet Mohammed Sinn gemacht haben, als Männer massenweise in Kriegen starben.
Auch in Ihrem Land gibt es mehr Frauen als Männer. Das ist erwiesen. Ich habe gar keine andere Wahl, als einige Frauen durch Heirat vor eine ungewissen Schicksal zu retten.
Ihr Haus – eine Art Arche Noah.
Guter Vergleich.
Wie schaffen Sies, die Wünsche Ihrer Frauen auseinanderzuhalten? Keine zu bevorteilen? Ein Freund von mir, der zwei Frauen hat, klagt, er brauche zur Bewältigung des Alltags eine Excel-Tabelle.
Punkt eins: Ich gehe nie mit einer Frau allein in ein Restaurant oder einkaufen, sondern immer mit allen zusammen. Punkt zwei: Ich gebe ihnen, was sie haben wollen. Ein Nein kenne ich nicht. Jede von ihnen hat hier im Haus eine eigene Wohnung, eine Köchin und Haushälterin. Punkt drei: Jede hat genau gleich viel Zeit mit mir. Heute bin ich bei Nummer drei, morgen bei Nummer zwei, übermorgen bei Nummer eins. Diesen Ablauf halte ich aufrecht, selbst wenn ich krank bin. Glauben Sie mir, meine Frauen kommen mehr auf ihre Kosten als jede Europäerin.
Können Sie denn immer?
Oh, ich bin äusserst fähig.
Und wie gehen Ihre Frauen mit der Eifersucht aufeinander um?
Ungefähr so, wie andere mit Fluglärm umgehen. Man ärgert sich darüber, weiss aber, dass er unvermeidlich ist, und hält ihn aus.

Ich spüre, wie das iPhone in meiner Tasche vibriert. Es ist mein Freund Nabil, der mich zum Aufbruch drängt. Einige Babys zu unseren Füssen sind bereits eingeschlafen, die älteren Jungs verschwunden, Scheicha Amira döst vor sich hin. «Ich muss gehen. Meine Freunde erwarten mich zum Dinner.» – «Nein, ich will, dass Sie bleiben!» Ahmed springt auf. «Das Essen wird gleich aufgetischt. Wir nehmen es gemeinsam ein, meine Familie und ich, und diskutieren über alles, was wir erlebt haben. Ich moderiere die Tischgespräche. Das wird Ihnen gefallen. Heute Nacht schlafen Sie dann erst mal im Zimmer einer meiner Töchter. Ich habe es schon herrichten lassen.»

Er zeigt auf die Mädchen, die geduldig auf den Kissen ausharren. Er hatte mir erzählt, dass er sie auf eine nach Geschlechtern getrennte Schule schicke, eine der besten Sanaas, und sie zur Schüchternheit erziehe, um sie vor «den Wölfen» zu schützen, die in der Welt ausserhalb der sicheren Mauern herumlungern.

Ich schmunzle unwillkürlich. Denn es sind dieselben Mädchen, die mich übermütig zum Fenster mit Aussicht geschoben hatten und darauf beharrten, mir eines ihrer Zimmer zu zeigen, in dem es nach Jasmin duftete und das Bett mit mintgrünen Spitzendecken verziert war.

Wir hatten uns auf den Fenstersims gesetzt, und sie hatten mir stolz erzählt, dass sie zu den besten Pingpongspielerinnen Sanaas gehörten und Mathematik liebten und wie ihr Vater ihnen eintrichtere, ja der Liebe nicht zu vertrauen, wie er sie dazu ermutige, seine Weisungen mit Gegenargumenten zu kontern – und wie er mit den Augen rolle, wenn sie Lieder von Justin Bieber hörten, die sie aus dem Internet heruntergeladen hatten.

Schon ein halber Heiratsantrag

«Bitte bleiben Sie», sagt Ahmed al-Aziz eindringlich. «Sie können mit allen reden, mit meinen Kindern, meinen Frauen, mit mir. Bitte, leben Sie eine Weile mit uns, und finden Sie heraus, ob es Ihnen gefällt.» Ich schüttle den Kopf. Nur zu gern wäre ich noch mit den Ehefrauen zusammengesessen, hätte ich mich mit den Söhnen unterhalten und mich eingehender mit den Töchtern ausgetauscht, um noch mehr zu erfahren über den Alltag in diesem Haus.

Aber ich eile auf den Flur hinaus. Und als hätte dies einen geheimnisvollen Mechanismus aktiviert, strömen die Bewohner des Hauses auf mich zu, formieren sich zu einem Spalier, jene, die keinen Platz haben, stehen auf den Treppenstufen und winken, einige stecken mir ihre auf gelbe Zettelchen gekritzelte Facebook-Adresse zu. Als ich in die kühle Nacht hinaustrete, fühle ich mich gerührt und befreit zugleich.

Still steigen wir in den Toyota Land Cruiser ein. Ahmed al-Aziz hat darauf bestanden, seine Schwester und mich nachhause zu fahren. Amiras Gesicht ist wieder verhüllt. Ich sehe nur ihre Augen, die müde in der Dunkelheit schimmern.

«Ich hätte Sie gerne geheiratet»

Ahmed al-Aziz starrt auf die Strasse. «Schade, sind Sie nicht geblieben», sagt er. «Ich hätte Sie gern geheiratet.» «Aber», entgegne ich, «wie hätten Sie sich das vorgestellt? Ich hätte mich nie verschleiert, hätte nie aufgehört zu arbeiten, wäre ständig unterwegs.» – «Das wäre alles kein Problem gewesen», murrt er.

Der Toyota kriecht durch die Strassen. Ich versuche, ruhig zu atmen, Amira schweigt. «Jetzt verraten Sie mir endlich eines», zische ich. «Sie haben drei wunderbare Frauen. Wofür um Himmels willen brauchen Sie noch eine vierte?» – «Um mein Blut aufzufrischen», sagt er schlicht. – «Ah! Und was, wenn eine Ihrer Frauen auch mal Lust bekäme, ihr ‹Blut aufzufrischen›? Würden Sie ihr zugestehen, was Sie für sich selbst beanspruchen, nämlich mehr als einen Partner zu haben?»

Ahmed al-Aziz dreht sich um und lächelt gelassen. «Das besprechen wir, sobald die erste Frau bei Real Madrid zu einem Champions-League-Spiel aufläuft.»

Ich hätte um ein Haar laut aufgelacht. Für diese Pointe hätte ein westlicher Stand-up-Komiker bestimmt viel Geld gezahlt. Und irgendwie beschleicht mich das seltsame Gefühl, dass sich Ahmed gerade zwei Stunden lang köstlich über mich amüsiert hatte.

 

Diese Reportage erschien am 7. 11. 2012 in der Zeitschrift annabelle

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